Arbeitsgemeinschaft Arbeitsrecht

im Deutschen Anwaltverein

Herzklopfen im Job: Darf man seinen Kollegen lieben?

Die meiste Zeit in der Woche verbringt man mit seinen Kollegen. Und so ist der Job inzwischen eine der größten Partnervermittlungsbörsen überhaupt. Darf man aber eine Beziehung mit einem Kollegen eingehen? Auf was Liebestrunkene im Beruf achten und wie viel Toleranz Chefs entgegenbringen müssen: Die Deutsche Anwaltauskunft klärt auf.

Privates und Berufliches soll man bekanntlich trennen. Dass Theorie und Praxis aber oftmals weiter auseinander liegen, als Partner im Doppelbett nach 20 Ehejahren, ist ja aber weithin bekannt. Und so verwundern die Zahlen nicht, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa im vergangenen Jahr veröffentlichte: Demnach hat sich jeder fünfte Berufstätige schon mal in einen Kollegen verliebt, jeder siebte sogar am Arbeitsplatz die große Liebe gefunden.

Diese Daten kommen nicht von ungefähr, schließlich verbringen Arbeitnehmer mehr Zeit mit Kollegen als mit Freunden, der Familie oder dem außerbetrieblichen Partner. Gelegenheit macht Liebe.

Niemand darf eine Beziehung mit Kollegen verbieten

Was aber, wenn es zwischen den Aktenbergen tatsächlich zwischenmenschlich knistert? Zunächst ist festzuhalten: verbieten kann das niemand – auch nicht der Vorgesetzte. Denn der darf nicht in das allgemeine Persönlichkeitsrecht seiner Angestellten eingreifen.

Dennoch sollten Verliebte einiges beachten, wenn sie mit den Flugzeugen im Bauch nicht vor die Tür des Arbeitgebers fliegen wollen.

„Der Chef darf zwar nicht sagen ‚Ihr dürft nicht’, er darf aber sagen ‚Ihr dürft nicht hier’“, sagt Nathalie Oberthür, Fachanwältin für Arbeitsrecht und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Arbeitsrecht im Deutschen Anwaltverein (DAV). Wer also seine Büro-Beziehung öffentlich macht, sollte auf Küsse, Streicheleien und sonstige Liebkosungen während der Arbeitszeit verzichten – ein schnelles morgendliches Begrüßungsküsschen einmal ausgenommen. Der Eingangssatz stimmt dann eben doch: Berufliches und Privates gehören getrennt. Das kann übrigens auch außerhalb der Arbeitszeiten gelten: Der Chef darf verbieten, dass sich Kollegen in den Räumlichkeiten des Betriebs nahe kommen, beispielsweise die Mittagspause knutschend in der Firmenkantine verbringen.

Der Chef kann durchaus in die Arbeitssituation der Verliebten eingreifen

Darüber hinaus kann der Vorgesetzte weitere Maßnahmen treffen – im Rahmen seines Direktionsrechts. So kann er die liebenden Kollegen auseinander setzen, sollte er befürchten, dass die Arbeitseffizienz leiden könnte. Dafür braucht es auch keine vorherigen Vorfälle wie einer offensichtlich verminderten Arbeitsleistung oder Beschwerden von Kollegen. „Diese Maßnahmen dürfen allerdings nicht maßregelnd sein“, so Rechtsanwältin Oberthür. Eine Versetzung in einen anderen Firmenbereich ist somit aber ebenfalls möglich – allerdings darf sie nicht mit Gehaltseinbußen verbunden sein.

Und ob ein gemeinsamer Liebesurlaub möglich ist, entscheidet nicht nur der Geldbeutel: Aus betrieblichen Gründen dürfen für den gleichen Zeitraum eingereichte Urlaubsanträge der beiden Kollegen abgelehnt werden, etwa wenn beide ähnliche Aufgaben haben.

Wann der Chef abmahnen und kündigen darf

Ob der Grund die neue Liebe ist, kann bei möglichen Abmahnungen egal sein. „Wenn beispielsweise die romantische Mittagspause im Park eigenmächtig verlängert wurde, darf der Vorgesetzte abmahnen – dabei spielt der Anlass der Verspätung keine Rolle“, sagt Arbeitsrechtsexpertin Nathalie Oberthür und ergänzt: „Es gibt Pflichten, die ein Arbeitnehmer zu erbringen hat. Wer diesen nicht nachkommt, muss mit einer Abmahnung rechnen.“

Sollten sich diese Dinge wiederholen – oder auch knutschen im Büro –, kann der Chef nach vorheriger Abmahnung auch fristlos kündigen. Ob zuvor eine, zwei oder drei Abmahnungen ausgesprochen werden müssen, sei nicht pauschal zu sagen, erklärt Oberthür: „Es kommt immer auf den konkreten Fall und die Schwere des Vergehens an.“ Theoretisch sei eine fristlose Kündigung auch ohne Vorwarnung erlaubt. Dieser müsste aber schon eine sehr große und geschäftsschädigende Verfehlung vorangegangen sein.

Spezialfall: Wenn der Lehrer mit dem Schüler

Komplizierter wird die ganze Angelegenheit bei folgendem Szenario: Eine Ausbilderin verliebt sich in ihren Auszubildenden. Auch das ist zunächst nicht verboten, solang diese Liebe einvernehmlich und der Auszubildende über 18 Jahre alt ist (andernfalls könnte es sich um Misshandlung von Schutzbefohlenen handeln und das ist strafbar).

Nichtsdestotrotz ist es pikant, schließlich gibt es die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers. Auch das ist dann zwar kein Kündigungsgrund, allerdings scheint der Tausch der Ausbilderin sinnvoll – so das möglich ist. Aus beiderseitigem Interesse sollte die Ausbilderin das Gespräch mit ihrem Vorgesetzten suchen und zu einer einvernehmlichen Lösung kommen.

Sex im Büro ist nicht unbedingt verboten

Zurück zum Regelfall und einer speziellen Frage: Liebestrunken und vollgetankt mit Hormonen, können einen letztere schon mal überrollen. Dass das während der Arbeitszeit nicht geht, ist klar. Aber abends, wenn alle Kollegen schon Feierabend haben… Inwiefern Sex hier erlaubt ist, hängt zunächst davon ab, ob es ein öffentlich zugänglicher Raum ist. In einem Biergarten zum Beispiel sollte darauf verzichtet werden. Denn wenn man erwischt werden sollte, muss das zwar nicht unbedingt arbeitsrechtliche Konsequenzen mit sich bringen, kann aber den Tatbestand der Erregung öffentlichen Ärgernisses erfüllen.

In öffentlich nicht zugänglichen Räumen wie einem Büro, in das man nur mit Schlüssel oder Schlüsselkarte hineinkommt, könnte das möglicherweise etwas anderes sein. Sollte es der Arbeitgeber nicht grundsätzlich verboten haben und werden auch sonst keine Interessen des Arbeitgebers beeinträchtigt, wäre es noch nicht sanktionsfähig, wenn der Chef das Paar dann erwischt, erklärt Nathalie Oberthür. Gleichwohl könnte der Chef nach der Erfahrung künftige Liebesspiele untersagen. „Wiederholt sich der Vorfall, muss mit einer Abmahnung gerechnet werden“, sagt die Kölner Rechtsanwältin.

Zusammenfassung: Wie viel Liebe ist erlaubt?

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Pressemitteilung vom 11.09.2014

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